25. Oktober 2017

Nachbericht zum Vortrag „Geschlechtsspezifische Ausprägung häufiger psychischer Erkrankungen “

Nachbericht zum Vortrag „Geschlechtsspezifische Ausprägung häufiger psychischer Erkrankungen “

Prof. Dr. med. Anita Riecher-Rössler, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und Psychoanalytikerin, referierte zum Thema „Geschlechtsspezifische Ausprägung häufiger psychischer Erkrankungen“. Riecher-Rössler hat langjährige Erfahrung in Klinik und Forschung, die sie u. a. in Heidelberg und London sammelte. Heute ist sie Chefärztin des Zentrums für Gender Research und Früherkennung der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel und unterrichtet an der Universität Basel. Ihre Arbeiten befassen sich mit geschlechtsspezifischen Unterschieden psychischer Störungen. 

In ihrem Vortrag erklärte Riecher-Rössler zunächst, dass Männer und Frauen insgesamt ein gleichhohes Risiko haben, im Laufe ihres Lebens an einer behandlungsrelevanten psychischen Erkrankung zu leiden. Jedoch hätten Frauen ein deutlich höheres Risiko, an einer Depression, Angst- oder Essstörung oder einer Borderline-Störung zu erkranken, wohingegen Männer eher an Suchterkrankungen, antisozialer Persönlichkeit oder ADHS erkranken. 

Depression bei Frauen häufiger 

Den Fokus ihres Vortrags legte Riecher-Rössler auf eine der häufigsten psychischen Erkrankungen, bei der es einen klar erkennbaren Geschlechtsunterschied gibt: die Depression. „Tiefgehend psychosoziale Faktoren können die erhöhte Auftretenswahrscheinlichkeit von Depressionen bei Frauen erklären. Insbesondere ein an stereotype Rollenvorstellungen orientierter Erziehungsstil erhöht das Risiko“, sagt Riecher-Rössler.  

Soziale Faktoren sind wichtiger Risikofaktor 

Frauen, bei denen Zurückhaltung und Bescheidenheit als wichtige Wesenszüge anerzogen wurden, entwickeln oft ein geringeres Selbstvertrauen, reduzierte Selbstwirksamkeitserwartung und ein erhöhtes Hilflosigkeitserleben. Soziale Faktoren, wie mehr Gewalterfahrungen, geringere soziale Anerkennung in Form von Status oder Gehalt, verstärken dies. Besonders ausschlaggebend scheine der Rollenkonflikt – Familie vs. Karriere – in welchem sich Frauen heute sehen. Hormonelle und genetische Faktoren dagegen seien eher sekundär.

„Daraus ergeben sich auch Unterschiede bei der Behandlung der Depression: Die Psychotherapie bei Frauen legt das Augenmerk auf mögliche Rollenübergänge und handlungsorientiertes Vorgehen. Auch um Selbstwert und Durchsetzungsfähigkeit der Frauen zu stärken“, erklärt Riecher-Rössler. 

Anschließend an den Vortrag tauschten die anwesenden Psychiater, Psychosomatiker, Psychotherapeuten und Allgemeinmediziner ihre Erfahrungen zu diesem Thema aus. Die nächste Veranstaltung der Fortbildungsreihe 2017 findet am 6.12.2017 mit Prof. Dr. Barbara Wild (Fliedner Klinik Stuttgart) zum Thema „Humor in der Behandlung psychischer Störungen“ statt.

Anja Maser

Kaufmännische Leiterin
Anja Maser