10. Juli 2017

Nachbericht zum Vortrag: „Transkulturelle Aspekte bei der Behandlung von psychisch erkrankten Migranten und Flüchtlingen“

Nachbericht zum Vortrag: „Transkulturelle Aspekte bei der Behandlung von psychisch erkrankten Migranten und Flüchtlingen“

Im MediClin Zentrum für Psychische Gesundheit in Donaueschingen fand am 8. März 2017 die Fortbildungsveranstaltung  „Transkulturelle Aspekte bei der Behandlung von psychisch erkrankten Migranten und Flüchtlingen“ statt. Ein Thema, welches nicht erst seit den kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien jeden Fachkollegen betreffe, betonte der Referent Prof. Dr. Dr. Jan Kizilhan zum Einstieg.

Kizilhan ist Diplompsychologe, Orientalist, psychologischer Psycho-, Hypnose- und Traumatherapeut und einer der führenden Vertreter auf dem Gebiet der Transkulturellen Psychosomatik.  Neben seiner Forschungstätigkeit ist Kizilhan Leiter des Studiengangs „Soziale Arbeit mit psychisch kranken und Suchtkranken“ an der Dualen Hochschule Baden Württemberg, medizinisch-therapeutischer Leiter des Sonderprojektes der Landesregierung Baden-Württemberg für besonders schutzbedürftige Frauen im Irak sowie Dekan des „Institute for Psychotherapy and Psychotraumatology“ an der Universität Dohuk im Irak. Seit Dezember 2016 leitet Kizilhan die Abteilung für Transkulturelle Psychosomatik der MediClin Klinik am Vogelsang in Donaueschingen.
In seinem Vortrag erklärte er die kulturellen Unterschiede, denen Migranten und Flüchtlinge ausgesetzt sind und deren Einflüsse auf die Behandlung psychischer Erkrankungen.


Jeder erlebt Migration anders

Allein in Deutschland leben etwa 15.3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund aus über 190  Nationen. „Die Unterschiede in Sprache, Religion, Gewohnheiten und Denkweisen verlangen eine differenzierte Betrachtungs- und Behandlungsweise“, sagte Kizilhan. Der unterschiedlichen Wahrnehmung von Migration legte er Faktoren wie mögliche Gewalterfahrungen im Herkunftsland, traumatische Erlebnisse auf der Flucht sowie Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, Beruf und vorhandene Ressourcen zugrunde. Migranten der dritten und vierten Generation benannte er als „verlorene Generation“, die oft mit Identitätskonflikten kämpfe. „Eine Folge von schwacher Ich-Stabilität und der Suche nach Anerkennung könne die Radikalisierung durch den IS sein“, erklärte Kizilhan.


Krankheiten werden kulturspezifisch unterschiedlich wahrgenommen

Kulturen, die die Existenz der Psyche und deren Erkrankungen ablehnen, würden psychische Erkrankungen als körperliche Schmerzen erfahren, so Professor Kizilhan. Als Beispiel nannte er den sogenannten Ganzkörper-Schmerz. Zudem würden oftmals gleiche Krankheiten in einem anderen Kulturraum anders bezeichnet.
Am Beispiel der Jesiden, einer religiösen Volksgruppe, erklärte Kizilhan das Zusammenspiel von kulturellen Einflüssen und posttraumatischen Belastungsstörungen. Die Jesiden waren in den letzten 800 Jahren Opfer vieler Genozid-Versuche und werden aktuell wieder durch den IS bedroht.

 

Aussicht und Diskussion

Kizilhan hofft auf eine zukünftig kultursensible und kulturgerechte Versorgung und regte die Zuhörer zur Reflexion der eigenen Werte und Normen an. Die Teilnehmer nutzten die Zeit nach dem Vortrag für Fragen, Diskussionen sowie zum Erfahrungsaustausch.

Tanja Reichhart

Verwaltungsleitung
Tanja Reichhart